Gehirn und Sprache

 

Die Sprache ist Teil des menschlichen Verhaltenskanons und wird maßgeblich mitbestimmt durch Neurotransmitter. Sprache aktiviert wiederum die Neurotransmitter im Körper und ruft dadurch spezifische affektiv-kognitive Reaktionen, Emotionen hervor. Diese Reaktionen bauen teilweise auf evolutionsbiologisch sehr alten Bewertungsmustern auf. Neurosemantik nutzt das Wissen über diese Verknüpfungen und kann so die emotionale Wirkung von Sprache auf neue Weise und besser als in älteren Ansätzen erklären. Obwohl das Gehirn stark arbeitsteilig organisiert ist, wird Sprache nach neuen Erkenntnissen an weit über eintausend Stellen im Gehirn verarbeitet.

 

Neurotransmitter und Verhalten

 

Neurotransmitter regeln und beeinflussen sowohl bewußte als auch unbewußte Verhaltensweisen und Reaktionen. Das Verhalten eines Menschen wird dabei auch bestimmt von Faktoren wie Erziehung, Sozialisation, Bildung, Umwelt, persönliche Erfahrungen,  Traumata und auch der persönlichen Lebenssituation. Dabei agieren Neurotransmitter in komplexen Zusammenhängen, die jeweils für unterschiedliche Grundmotivationen und Verhaltensweisen - und damit auch für die Art und Weise, wie ein Mensch redet - verantwortlich sind. 


Emotionen und die neurosemantische Karte

Die Neurobiologie hat  sieben affektiv-emotionale Motivfelder entdeckt, die auf biologisch-anatomischen Strukturen und Kreisläufen im menschlichen Körper aufbauen. Diese neuroanatomischen Strukturen sind bei allen Menschen gleich und gründen auf mehr als 150 Neurotransmitter-Komplexen im Körper, die über Nerven- und Blutbahnen zirkulieren.

Diese Neurotransmitter-Strukturen sind physisch „greifbar“ und messbar. Sie stellen die biologischen Grundlagen für die Emotionen Wut, Angst, Lust, Fürsorge, Panik/Trauer, Spiel und Suche dar. Die Ausdifferenzierung und zunehmende Komplexität der menschlichen Kulturen hat zu Regeln und Verhaltensweisen geführt, die diese rein biologisch begründeten Affekte und Emotionen um zusätzliche Emotionen erweitert haben, wie Verachtung, Eitelkeit oder Zorn. All diese Emotionen sind in der menschlichen Sprache repräsentiert. Im Modell der neurosemantischen Karte DEsemantik wurden die biologisch vorfindbaren Emotionen ergänzt um die kulturell entwickelten Emotionen.

Die Entwicklung der neurosemantischen Karte

USemantics und DEsemantik beruhen jeweils auf einer neurosemantischen Bibliothek von vielen  tausend emotionalen Begriffen der amerikanischen und deutschen Sprache. Diese neurosemantischen Bibliotheken emotionaler Wörter wurden erstellt, indem Ergebnisse aus der Emotionsforschung und aus der Metaanalyse psychographischer Modelle ausgewertet und eingebracht wurden.

 

Jedes einzelne Feld wie „Macht“ oder „openness“ enthält tausende von Begriffen, die alle sprachlich definierbaren Emotionen repräsentieren. Die Datenbank hinter den Emotionsfeldern wird ständig erweitert und ergänzt.

Emotionale Positionierung

Jedes politische Thema, jede Marke und jedes Produkt verfügt über einen emotional-motivationalen Kern auf der neurosemantischen Karte. So ist das Thema Rente sprachlich und emotional im Feld Fürsorge verankert und sollte daher nicht unbedingt mit Begriffen aus den Feldern Macht und Stolz kommuniziert werden. Das Schaubild zeigt den Sprachstil von Bundeskanzlerin Angela Merkel am Beispiel mehrerer öffentlicher Reden im Bundestag, der Neujahrsansprache 2014/15 u.a. 

 

Das  Bild zeigt die Neurotransmitter, die den Motivfeldern Fürsorge, Sicherheit und Normen zugrunde liegen. In der Mitte befinden sich die Begriffe, die in den Reden Angela Merkels diese emotionalen Felder repräsentierten und in der rechten Spalte des Schaubilds die individuellen und gesellschaftlichen Werte, die diese Emotionsfelder repräsentieren. 

Angela Merkel hat ein eindeutiges Profil auf der neurosemantischen Karte, das sich vor allem aus den Feldern Fürsorge, Sicherheit und Normen zusammensetzt. Primäres Merkmal der Reden ist ein schon fast metaphysisch anmutendes „Wir“. Politische Ziele werden immer als Gemeinschaftsaufgaben charakterisiert: Sei es die Weltgemeinschaft, die gemeinsam gegen die Bedrohung durch den Islamischen Staat vorgehen muss, sei es die Europäische Gemeinschaft, die deutsche Interessen nach außen vertritt. Wobei Deutschland als Einzelakteur in den Reden der Bundeskanzlerin nur eine untergeordnete Rolle spielt. Deutschland wird über die Gemeinschaft definiert. Gleichzeitig fehlt jede Erwähnung von Eigenverantwortung der Bürger, der Begriff Risiko kommt nicht vor, selbst private Existenzsicherung ist eine Gemeinschaftsaufgabe. 

 

Angela Merkel erreicht mit ihrer Sprache und ihren Themensetzungen mehr als zwei Drittel der deutschen Bevölkerung, denn so viele Deutsche werden durch die Motivfelder „Fürsorge“, „Sicherheit“ und „Normen“ in der unteren Hälfte der Karte angesprochen und repräsentiert. Angela Merkel bedient damit eine insgesamt staatlich-fürsorgliche, sicherheitsbetonte und durchregulierte nationale Kultur in Deutschland.